Stadtjäger Modul Kommunikation 16.08.20

Als Stadtjäger steht man mehr in der Öffentlichkeit und unter intensiverer Beobachtung als der Jagdausübungsberechtigte oder Begehungsscheininhaber in einem Revier. Der Stadtjäger hat es mit Problemlösungen zu tun und der Auftraggeber erwartet einen Erfolg durch Lösung seines Problems. Hier ist Kommunikation von zentraler Bedeutung.

Erstellt am 19.08.2020

Unterschiedliche Interessen auf engstem Raum können zu Konflikten führen. Bewohner eines Hauses können grundsätzlich voneinander abweichende Einstellungen zur Anwesenheit eines Wildtieres haben; von süß bis gefährlich können die Ansichten divergieren. Der Stadtjäger ist Dienstleister und eine gute, gezielte Öffentlichkeitsarbeit kann seiner Arbeit nützlich sein.

In diese Teilbereiche gliederte Dr. Gerd Kalkbrenner, Kalkbrenner Kommunikation, Freiburg, Referent des DJV und des LJV Ba-Wü, Mitglied der Jägerprüfungskommission Freiburg das Seminar „Kommunikation, Öffentlichkeitsarbeit und Konfliktmanagement“, das der JNWV-BW im Rahmen des Stadtjäger Kurses am 16. August 2020 im Kulinarium an der Glems veranstaltete.

Ein Filmausschnitt aus „Halali oder der Schuss in Brötchen“ leitete das Seminar ein. Gekürzt beginnt die Filmsequenz in etwa wie folgt: Ein dicker Geländewagen fährt ziemlich zügig auf einem engen Waldweg vermutlich kurz nachdem es aufgehört hatte zu regnen, Pfützen hatten sich gebildet. Die Perspektive schwenkt zu einem Spaziergänger mit weißem, kleineren Hund, der einen großen Stock apportiert. Der Spaziergänger macht dem Auto Platz leider neben einer der Pfützen und es kam wie erwartet, der Wagen, der mit unverminderten Geschwindigkeit am Spaziergänger vorbei fuhr, macht den Spaziergänger nass worauf dieser damit beginnt mit seinem Taschentuch die nasse Brille zu putzen. Nach 10 Meter hält der Wagen an und ein großer, vermutlich übergewichtiger Jäger steigt aus und eröffnet das Gespräch mit den Worten: „Sie gehen hier spazieren?“ Der Spaziergänger von ähnlicher Statur antwortet: „Derzeit putze ich meine Brille. Aber ja, ansonsten gehe ich spazieren“. Der Ton beider Männer ist angespannt. Der Jäger spricht weiter: „Ich bin hier für den Jagdschutz verantwortlich (Anmerkung: altes Jagdrecht) und muss Sie auf ein Fehlverhalten hinweisen“. - „Dass ich vorhin da hinten gepinkelt habe, das haben Sie gesehen?“ - „Nein, ihr Hund, nehmen sie sofort ihren Hund an die Halsung“. - „An die was?“ - „Leinen Sie Ihren Hund an!“ Der Ton beider Männer verschärft sich.

Dem Jäger, der sich im Recht fühlte und wohl auch annahm, dass er in dieser Auseinandersetzung die Oberhand behalten werde wurde mit zunehmender Gesprächsdauer die Wortführung und damit auch die Überlegenheit durch den Spaziergänger mit Hund entzogen. Der Spaziergänger nahm den Jäger nicht ernst: „Nein, das mache ich nicht, das ist Absicht. Mein Hund muss selbstständig werden. Ab und zu holt er sich ein Kaninchen als Kauknochen, fickt eine Ricke im Gebüsch oder erlegt einen Rothirsch.“ Durch diese Überzeichnung zieht er das Gespräch ins Lächerliche und entzieht dem Jäger die Grundlage seiner Maßregelung.

Schließlich übernimmt der Spaziergänger die Wortführung: „Nehmen Sie doch Ihren Hund an die Leine“ entgegnet er dem Jäger. „Wieso, ich habe doch gar keinen Hund:“ - „Ein Jäger ohne Hund? Wenn Sie ein Reh schießen und nicht richtig treffen drücken Sie dann Ihre Nase ins Gras, falls Sie noch so tief runter kommen und suchen das arme Tier?“ Der Jäger hatte den von ihm ausgelösten Konflikt verloren; er dreht sich um, steigt ins Auto wobei der Spaziergänger die Autotür zuwirft - eine symbolische Ohrfeige.

Wie hatte der Konflikt begonnen, war dieser zu beherrschen bzw. an welchem Punkt noch zu beenden? Letzteres war mit größter Sicherheit niemals möglich nachdem schon von Beginn an alles auf Konflikt programmiert war.

Dr. Kalkbrenner machte daraufhin den Teilnehmern deutlich, dass die Sprache oft ein ungeeignetes Mittel ist, um abstrakte Sachverhalte zu erklären. Zudem sind bevor das erste Wort gesprochen wurde viele non-verbale Informationen geflossen. Körpersprache und der Erfahrungsrucksack lassen in uns ein erstes Bild vom Gesprächspartner und dies mit großer Geschwindigkeit und nachhaltig entstehen.

Für Gespräche gäbe es gute und weniger gute Orte, den richtigen und den falschen Zeitpunkt. Je wichtiger das Gespräch, je schwieriger das Gesprächsziel zu erreichen sei, desto entscheidender sind Zeit, Ort und Konstellation. Das Bauchgefühl signalisiert meist zuverlässig, wenn eines der Kriterien nicht passt, so Kalkbrenner.

Lege man auf einen guten Gesprächsverlauf wert, so sei das Reden auf Augenhöhe wichtig, nicht von oben herab. Aber auch eine Waffe oder der mitgeführte Hund verschieben das Gleichgewicht. Schwierig sei es auch, ein Gruppe anzusprechen - wer ist der Wortführer ? - Eltern in Gegenwart der Kinder zu ermahnen (und umgekehrt) ist ebenso schwierig wie den Mann in Begleitung seiner Frau oder Freundin oder die Frau in Gegenwart ihres Begleiters. In allen Fällen verliert dabei jemand das Gesicht und das darf nicht geschehen.

Bei unterschiedlichen Sichtweisen kommt ein konstruktives Gespräch nur in Gang, wenn beide Gesprächspartner das Gefühl haben, dass der jeweils andere ihre Perspektive kennt und akzeptiert. Dr. Kalkbrenner nennt das „die Brille des anderen Aufsetzen“ und gab Tipps wie der Weg zur Einigung offen gehalten werden kann.

Um zu erreichen, dass der Gesprächspartner nach dem Gespräch entweder anders handelt, denkt oder fühlt oder anders gesagt um sein Gesprächsziel zu erreichen müsse man sich dieses Ziel bewusst machen und dies während des Sprechens und Zuhörens im Auge behalten. Ziele könnten z.B sein: wahrnehmen und wahrgenommen werden, Beziehungen aufbauen und pflegen, Menschen beeinflussen und Konflikte austragen und lösen.    

In drei Schritten das Gesprächsziel erreichen - Schnupperphase - Arbeitsphase - Erntephase sei eine erfolgreiche Methode so Kalkbrenner. Am Anfang eines Gesprächs gehe es nicht um Inhalte sondern um das sich kennen lernen, geprägt durch allgemeine Floskeln, freundlich, unverbindlich aber nicht abgedroschen. „Übrigens“ kann dann die Arbeitsphase einleiten in welcher möglichst gekonnt mit Fakten und Emotionen argumentiert wird; seine Wünsche begründen oder gleich Gegenargumente mitliefern zeigen, dass man den anderen ernst nimmt und sich mit dessen Position vertraut gemacht hat. Und ein Tipp: vermeiden Sie das Wort „aber“, ersetzen Sie es durch „und“ - ist zwar ungewohnt aber wirkungsvoller.

Im weiteren Verlauf des Seminars verdeutlichte Gerd Kalbrenner, dass wir Jäger eine Minderheit sind, dass es große Unterschiede in der Wahrnehmung der Natur und dem Wissen was ein Jäger so macht in der Bevölkerung gibt. „Die Jägersprache ist weitestgehend unbekannt. Informieren Sie, erklären Sie, argumentieren Sie, arbeiten Sie mit Emotionen aber erwarten Sie nicht, dass Sie Ihren Gesprächspartner von Ihrer Einstellung überzeugen; Verständnis und Toleranz zu wecken ist schon ein großer Erfolg.“

Ein ganz schwieriges Thema sei das richtige Ansprechen eines - vermeintlichen und aus Ihrer Sicht eindeutigen - Fehlverhaltens. Vermeiden Sie Verallgemeinerungen und direkte Angriffe, beginnen sie mit Ihrer Wahrnehmung, sprechen Sie von „ich“, wie Sie es empfinden, was sie gesehen haben, welche Wirkung Sie befürchten und formulieren Sie dann Ihren Wunsch. Dieser sollte möglichst einen Nutzen enthalten und nicht nur Rücksicht auf Sie einfordern.

Im Teil Konfliktmanagement erklärte Dr. Kalkbrenner den Unterschied zu Diskussionen, Meinungsverschiedenheiten und Streitigkeiten, die zeitlich begrenzt seien, „Konflikte sind grundsätzlicher und haben einen Verlauf“. Anhand einer nach unten führenden Treppe erklärte Dr. Kalkbrenner die 9 Stufen der Konflikteskalation nach Friedrich Glasl. Nur von den obersten Stufen gäbe es ein Zurück mit Kompromiss oder gar eine „win-win-Situaton“; danach verhärten sich die Fronten, Gesichtsverlust, Drohstrategien, Vernichtungsschläge, Zersplitterung bis zur gegenseitigen Zerstörung sind die Stufen gemeinsam in den Abgrund. Hier kann häufig nur die Moderation durch einen unabhängigen, unbeteiligten Dritten eine Lösung darstellen.

Als Stadtjäger wird man wie anfangs gesagt wahrgenommen; teilweise ganz unterschiedlich wahrgenommen. Mit gezielter und methodisch gekonnter Öffentlichkeitsarbeit kann man sich bekannt machen, seine Arbeit erklären - der Fachmann sagt interessengeleitet Kommunizieren -, Vertrauen aufbauen „mit dem Ziel dauerhaft Konflikte zu vermeiden, zu entschärfen oder beizulegen“.

Der Stadtjäger soll möglichst kooperativ mit den Wildtierbeauftragten der Städte und Gemeinde zusammen arbeiten und einen guten Kontakt zu Polizei, Feuerwehr, Tierrettung, Tierschutz und auch ganz allgemein zur Städte- oder Gemeindeverwaltung pflegen. Sich gegenseitig zu kennen und zu wissen wie die anderen ticken ist immer nützlich. Gemeinsame öffentliche Veranstaltungen können die eigene Arbeit aufzeigen. Die Bevölkerung erkennt so an wen man sich bei Problemen mit Wildtieren wenden kann. Die Akteure können sich gegenseitig unterstützen jeder mit dem speziellen Wissen und Befugnissen. Man kann von Anfang an Konflikte vermeiden wenn man sich kennt und respektiert; falsche Emotionen wie Neid, Missgunst, Kompetenzstreitigkeiten haben bei Problemlösungen zum Wohle der Bevölkerung und möglichst auch zum Tierwohl keinen Platz.

Kommunikation lässt sich üben! Wir sprechen von Öffentlichkeitsarbeit, also arbeiten Sie daran!  

Zum Abschluss stellten sich die Teilnehmer einem Corona-gerechten Gruppenfoto - es lebe das Vermummungsverbot!

Foto und Text: Hans-Ulrich Endreß

(Quelle: Dr. Kalkbrenner/DJV)

Erstellt am 19.08.2020
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